Was ist eigentlich… die 180° – Regel?

Alles eine Frage der Perspektive

Wie bei so vielem anderen im Leben auch, spielen diese geflügelten Worte ebenso bei der Produktion und insbesondere bei der Komposition von Filmbildern eine tragende Rolle, hier allerdings im buchstäblichen Sinne. Denn: Nicht nur im Hinblick auf die Wirkung des einzelnen Bildes ist die Wahl der richtigen Perspektive von entscheidender Bedeutung, desgleichen gilt dies für das Konzept der Montage.

Die 180°-Regel, um welche es in diesem Beitrag gehen soll, beschreibt dabei den Umstand, dass innerhalb des Zusammenspiels aufeinanderfolgender Einstellungen eine Konstanz der Bewegungsrichtungen aufrecht erhalten werden soll. Ziel dieser Regelung ist es, zu verhindern, dass der Zuschauer in dieser Bildfolge die Orientierung verliert.

Die unauffällige Montage: Im alten Hollywood bevorzugte Methode

Dieser Grundsatz steht ganz in der Tradition der Continuity Editing-Prinzipien des klassischen Hollywoods, nach denen sich der Zuschauer voll und ganz auf die Handlung konzentrieren können muss und der Schnitt dementsprechend versteckt werden soll (man spricht daher auch vom unsichtbaren Schnitt oder der „découpage classique“). Eine Verletzung dieses Prinzips wäre etwa dann erreicht, wenn ein Schnitt als unnatürlich oder sprunghaft (und somit bewusst) wahrgenommen wird.

Im Hinblick auf den konkreten Fall der 180°-Regel bedeutet dies ein springendes Überschreiten von Bildachsen bei gleichem Raum und Sujet, genauer: einem Überspringen der Handlungsachse. In jedem Bild befinden sich nämlich gleich mehrere Achsen, etwa die Blickachse (Blickrichtung der Figuren) oder die Kameraachse („Blickrichtung“ der Kamera). Die Verhältnisse dieser Achsen sind enorm wichtig für die Rezeption und Identifikation des Betrachters.

Stanley Kubricks Sprünge über die Handlungsachse sind gewollte Stilmittel. In diesem Beispiel aus „The Shining“ charakterisiert ein solcher Schnitt die psychische Konstitution und die getrübte Selbstwahrnehmung der Hauptfigur. TM & © Warner Bros. (1980)

Die Handlungsachse gibt nun die Richtung der Handlung an, in der Regel handelt es sich hierbei um eine gedachte Verbindungslinie zwischen den Hauptakteuren. Bei einem Gespräch zwischen zwei Personen verläuft diese imaginäre Linie beispielsweise durch die die beiden Figuren hindurch, bei einer Sportübertragung verbindet sie die Fußballtore, Basketballkörbe etc. Sobald ein Geschehen gefilmt wird, befindet sich das Auge der Kamera entweder links oder rechts einer solchen Achse. Und solange sich die Kamera auf der gleichen Seite dieser Achse bewegt, bleiben auch Bewegungsrichtungen konstant.

Beispiel Autofahrt: Beim Filmen aus der Fahrerseite eines fahrenden Autos heraus bewegt sich alles im Bild von rechts nach link. Filmt man nun aus der Beifahrerseite heraus, verhält es sich genau umgekehrt, das gesamte Richtungssystem hat sich um 180° gedreht. Direkt aneinandergeschnitten wäre dies für den Betrachter nur schwer nachzuvollziehen, Irritation und Desorientierung wären die Folge, da Informationen über räumliche Bezugspunkte nicht mehr ohne Umschweife wahrgenommen werden können.

Sprünge sind ein Tabu, das gebrochen werden will

Die 180°-Regel ist also der Grundsatz, solche Achsensprünge zu vermeiden. Im Hinblick auf die Handlungsachse darf sich die Position der Kamera demnach also maximal von rechts außen nach links außen bewegen.

Bis heute sind Verletzungen dieser Regel im Grunde verpönt, insbesondere bei Sportübertragungen sind sie quasi undenkbar. Die Kameraarbeit ist hier eindeutig Mittel zum Zweck; sie dient dazu, das eigentliche Ereignis zu dokumentieren und es dem Zuschauer in einer zwar ansprechenden (und durchaus auch innovativen), jedoch immer unmissverständlichen Bildsprache zu präsentieren. Desorientierung wäre in diesem Fall wenig opportun.

Bei Filmprojekten mit einer deutlich stärkeren künstlerischen Ausprägung kann ein bewusster Achsensprung jedoch auch Stilmittel sein, um etwa Verunsicherung oder einen Wendepunkt auf der Handlungsebene auch optisch und wahrnehmungsphysiologisch zu untermalen.

Stanley Kubrick beispielsweise hat in seinen Filmen des Öfteren bewiesen, dass es durchaus möglich ist, das Brechen dieser Regel in filmsprachlicher Hinsicht sinnfällig zu nutzen. In „The Shining“ zeigt der amerikanische Meisterregisseur beispielsweise einen Achsensprung in einer Toilettenszene, welcher beim Betrachter zu dem Eindruck führt, dass die Protagonisten plötzlich ihre Plätze getauscht hätten. Kubrick führt hier in eindringlicher Manier vor Augen, dass die Hauptfigur Jack (Jack Nicholson) und der ehemalige Hausmeister Delbert (Philip Stone) nicht zu unterscheiden respektive ein und dieselbe Person sind.

Nichtsdestoweniger ist es dennoch möglich, eine vorher festgelegte Handlungsachse zu überqueren, ohne dass es der Zuschauer als störend empfinden würde. Neben einem Achsensprung durch einen harten Schnitt kann ein solcher Übergang auch mittels eines sanften Wechsels erfolgen. Im Gegensatz zum Achsensprung bewegt sich die Kamera dabei fließend (etwa durch eine Kran– oder Dollyfahrt) über die Achse. Dadurch, dass der Zuschauer den Positionswechsel der Kamera praktisch begleitet, kann er die Definition einer neuen Achse ohne Weiteres nachvollziehen.

Die Filmproduktion – ein Winkelsystem

Bezüglich der Vermeidung von sprunghaften Schnitten trägt im Zusammenhang mit der Achsensprung-Regel neben den 180° der Bildachsen auch der Winkel von 30° eine besondere Bedeutung. Denn selbst wenn man bei der innerszenischen Montage auf derselben Seite einer Achse bleibt, ist ein sprunghafter Bildwechsel beziehungsweise die Wahrnehmung dessen als Fehler noch lange nicht ausgeschlossen. Um dies zu verhindern, sollten die Bilder von zwei aufeinanderfolgenden Einstellungen eine ausreichende Differenz aufweisen.

Konkret bedeutet dies, dass eine Einstellung, die fast aus derselben Position wie die vorhergehende aufgenommen wurde und somit einen nahezu identischen Bildausschnitt zeigt, auf den Betrachter unweigerlich seltsam und fehlerhaft wirkt. Um nun das notwendige Maß an inhaltlicher Nuancierung herzustellen, gibt es mehrere Möglichkeiten – immer abhängig von den jeweiligen Schnitten:

  • Wird die Entfernung zum gefilmten Objekt verändert (bei ansonsten gleichbleibendem Winkel zur Handlungsachse), sollte diese Distanzüberwindung möglichst groß sein, damit sich das Bild genug vom vorherigen unterscheidet.
  • Bleiben Entfernung und Einstellungsgröße in etwa gleich, sollte sich die Position der Kamera jedoch in ihrem Winkel signifikant zur Einstellung zuvor ändern – und zwar um mindestens 30°.
  • Dasselbe gilt auch für den Bildwinkel, also die Ausprägung der Kameradrehung oder –neigung: Auch hier sollten sich aufeinanderfolgenden Einstellungen ebenfalls um 30° unterscheiden.

So paradox es auch klingen mag – zwei Nachbarbilder müssen also verhältnismäßig stark voneinander abweichen, damit ein Schnitt zwischen ihnen als „unsichtbar“ (und nicht als Jump Cut) wahrgenommen wird.

An dieser Stelle sind wir wieder bei dem zwar manierierten, aber doch so treffenden Fingerzeig auf das wahre Leben angelangt. Hier wie da gilt: Ein Perspektivenwechsel bewirkt manchmal wahre Wunder, ist aber oftmals um ein Vielfaches schwieriger zu bewerkstelligen als zuerst vermutet.

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Nico Laninger
Nico Laninger, M.A. studierte Medienwissenschaft und Kunstgeschichte in Trier. Bei der Aspekteins GmbH ist er als Kreativdirektor maßgeblich für den Bereich Konzeption und Projektleitung von Filmproduktionen für TV, Online, und Kinowerbung verantwortlich.

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