VR-Storytelling-Produktionen beim Tribeca Immersive Festival 2021

24. September 2021 Katrin Pape

VR-Storytelling-Produktionen beim Tribeca Immersive Festival 2021

VR-Storytelling-Produktionen auf den Tribeca Immersive Festival 2021/ GIF: tribecafilm.com

Das Tribeca Immersive Filmfestival fand in diesem Jahr in weiten Teilen wieder physisch statt. So gab es (wenn auch zeitlich und zahlenmäßig limitierte) In-Person-Zugänge zur „Storyscapes“-Sektion in Manhattan und auf diverse Außenbereiche verteilte interaktive VR-Installationen. Außerdem ermöglichte eine Kooperation (XR3) mit Cannes XR und dem NewImages Festival es VR-Headset-Nutzern aus aller Welt, ausgewählten VR-Produktionen auf der VR-Plattform Museum of Other Realities zu erleben.

Social habits mit VR-Storytelling hinterfragen

What does a hangman think about
When he goes home at night from work?
When he sits down with his wife and
Children for a cup of coffee

So beginnt Carl Sandburgs Gedicht „The Hangman at Home“ von 1922. Dieses Werk war bereits Grundlage einer gleichnamigen VR-Produktion, die in diesem Jahr durch „We are at home“ ergänzt wird.

Die VR-Anwendung The Hangman at Home wurde auf dem Venice VR Festival mit dem Best VR Immersive Work Award ausgezeichnet und ist ein reines Single-User-Erlebnis. Die neue 45-minütige VR-Produktion „We are at home“ dagegen ist als Multi-User-Anwendung inszeniert und fordert verschiedene VR-Headset-Nutzer simultan dazu auf, die Rolle des Einzelnen mit Blick auf die Gemeinschaft konstruktiv zu hinterfragen: Was sehe ich? Wie und warum handele ich? Welche Konsequenzen hat (m)eine unterlassene Handlung?

Dass Michelle und Uri Kranot bei ihrer VR-Produktion auf ein Gedicht zurückgriffen, ist indes nicht verwunderlich. Schon ihre älteren Produktionen „Nothing happens“ und „Songbird“ waren stark poetische VR-Erfahrungen voller subtiler Momente.

Auch das Augmented-Reality-Erlebnis Procession setzt mit Eigenverantwortung auseinander. Betrachter werden hier mit menschengemachtem Klimawandel und dessen Folgen konfrontiert: Es geht um Umweltzerstörung, globale Unruhen und den Überlebenskampf.

Procession - An Augmented-Reality Artwork Of Our Not-So-Distant Future (Trailer)

Die AR-App Procession platziert die 3D-Collage/Fotomontage des Künstler Dustin Yellin in jeden beliebigen Raum. Bildquelle: adweek.com

Der Künstler Dustin Yellin arbeitet seit Jahren mit teils aufwendigen Kunstwerken, in denen haufenweise Allegorien zu finden sind, die zum Nachdenken anregen wollen. Für Procession kooperierte Yellin u.a. mit der National Wildlife Federation und verarbeitete auch Collage-Arbeiten aus seiner Serie Migration in Four Parts. AR-Nutzer können die AR-App auf dem Smartphone oder via VR-Headset interaktiv erleben und dabei seltsame und doch vertraute Landschaften explorieren: wildes Eden oder selbstgemachte Höllen – das alles liegt sehr nah beieinander.

My goal has always been to democratize art and create a living, breathing canvas that can be affected by every participant who touches it. Procession presents our near future, a period of global unrest and environmental destruction, spurred by raging flood waters and massive wildfires

Dustin Yellin

Bystanding: The Feingold Syndrome behandelt verschiedene Perspektiven zum Thema Handlungsfähigkeit und verbindet hierbei geschickt volumetrische Realfilmaufnahmen mit 360-Grad-Animationen.

Bystanding: The Feingold Syndrome (2021)
Behind the scenes: "Bystanding: The Feingold Syndrome"

Neues Leben einhauchen

Den Storyscapes Award gab es in diesem Jahr für die VR-Produktion Kusunda.

Die indigene Bevölkerungsgruppe der Kusundas lebt mehrere hundert Kilometer westlich von Nepals Hauptstadt Kathmandu, spricht jedoch nur noch marginalisiert Kusunda, eine der am wenigsten erforschten Sprachen der Welt. Es handelt sich vermutlich um ein Sprachisolat, obgleich manche Forscher auch eine starke Verbindung zur sino-tibetischen oder tibeto-burmanischen Sprachfamilie sehen.

Obwohl viele Wissenschaftler über die letzten Jahrzehnte unzählige Untersuchungen anstellten, war es den meisten unmöglich, Personen, die Kusunda sprechen, persönlich anzutreffen und mehr über Sprachschatz und Lebensauffassung zu erfahren. Bislang sind erst 3 Vokale und ein Dutzend Konsonanten erfasst; Ursprungskultur oder Weltanschauung blieben weitestgehend unerforscht.

VR-Anwenderin auf dem Festival/Kusunda VR. Bildquelle: blog.zhdk.ch

„A language is not just words. It’s a culture, a tradition, a unification of a community, a whole history that creates what a community is. It’s all embodied in a language.”

Noah Chomsky

Inzwischen gibt es viele Bemühungen, Angehörige des Stamms der Kusundas untereinander besser zusammenzuführen, denn viele Stammesangehörige können allein wenige Wörter sprechen. Alltäglich wird meist nur Nepali gesprochen.

Die letzte noch lebende Kusunda-Sprecherin sollte deshalb Protagonistin der VR-Produktion werden und der vergessenen Sprache endlich eine Stimme in der Öffentlichkeit verleihen. Zuvor veröffentlichte Gyani Maya Sen auch ein Kusunda-Wörterbuch und half Interessierten beim Spracherwerb. Unzählige Male hatte sie vor dem endgültigen Aus der Sprache gewarnt. Doch von Seiten der Regierung gab es bislang kein entsprechendes Programm.

Traurigerweise verstarb Gyani Maya kurz vor Produktionsbeginn. Mit dem Schamanen Lil Bahadur und seiner Enkelin Hima fand die Künstlerin neue Protagonisten für ihre volumetrische VR-Anwendung. Zur Verwirklichung der volumetrischen Aufnahmen griff sie auf Kinect Azure zurück.

Während Lil Bahadur kaum Kusunda spechen kann, macht Hima im Sprachunterricht stets mehr Fortschritte, die sie auch ihrem Großvater nahebringt. So ist die aufwendige VR-Produktion nicht zuletzt auch eine Hommage an das Miteinander der Generationen.

VR-Benutzer können in der Anwendung außerdem interaktiv einige Worte Kusunda lernen!

Mit dem Einsatz von Algorithmen & AI in der Strafverfolgung beschäftigt sich POV, während sich die immersive Live-Performance The Severance Theory mit der Erfahrung von psychischen Erkrankungen auseinandersetzt und dazu zwei Schauspieler mit VR-Nutzern interagieren lässt.

Auf dem XR3-Festival feierte auch die VR-Produktion Jailbirds Premiere. Das VR-Erlebnis befand sich mehr als 5 Jahre in Entwicklung. Als Grundlage dienten die Zeichnungen des belgischen Comiczeichners Philippe Foerster, denen echte Schauspieler Leben einhauchten.

Jailbirds ist als Trilogie angelegt und befasst sich intensiv mit der Kraft von Imagination und Erinnerung im Kontext von Gefangenschaft.

Auch wir von Aspekteins beschäftigen uns damit, wie die Zukunft des Storytellings in unserem noch jungem Medium aussieht. Das Potential ist riesengroß: Einer unserer Ansätze ist es, 360-Grad-Inhalte zu erschaffen, die unmittelbar auf unbewusstes Nutzer-Verhalten Bezug nehmen. Hierdurch lassen sich VR-Produktionen auf einer persönlichen, tiefgreifenden Ebene erleben, wie es nicht mit allein mit vom Anwender bewusst gesetztene Interaktionen möglich wäre.

Unsere Technologie, die dieses Setzen von Triggern ermöglicht und eine neue Form des „Branchend Storytelling“ eröffnet, nennen wir Hyperresponsive VR (HRVR). Wie man eine solche nicht-lineare Geschichte plant, haben wir vor kurzem in einem eigenen Blogartikel beleuchtet.

Gerne begleiten wir auch Ihre VR-Storytelling-Produktion.

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Bildrechte Titelbild: © aerogondo – Adobe Stock

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