Augen auf: Blickführung in 360-Grad-Filmproduktionen

1. Oktober 2021 Katrin Pape

Augen auf: Blickführung in 360-Grad-Filmproduktionen

360-Grad-Inhalte bzw. 360-Grad-Filmproduktionen bieten VR-Liebhabern die phantastische Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wohin sich ihr Blick richten soll. Betrachtern wird nicht nur eine bestimmte Einstellung präsentiert, sondern ein ganzes Panorama, in dem sie prinzipiell in jede Richtung blicken könnten.

Ebendiese Freiheit kann für das Erfassen der Handlung für den Zuschauer zum Problem werden. Wie kann gewährleistet werden, dass Nutzer mitbekommen, was Handlungsrelevantes in einer Szene geschieht?

Ganz grundlegend gesagt: Überhaupt nicht. Wenn Nutzer aktiv versuchen, ihren Blick in eine Richtung zu lenken, in der nichts passiert, lässt sich das natürlich nicht verhindern. Was wir als Filmemacher jedoch können und sollten, ist, jederzeit klar zu kommunizieren, wo im Film handlungsrelevante Abläufe stattfinden, sodass Zuschauer sich nie verloren fühlen. Des Weiteren können wir den Film so aufbauen, dass Nutzern genug Zeit bleibt, diese Aspekte vollumfänglich zu erfassen – selbst, wenn sie vielleicht nicht während der kompletten Szene in die beabsichtigte Richtung geblickt haben. Wir geben Zuschauern einen roten Faden, den sie jederzeit erfassen und an dem sie sich immer orientieren können – und wenn wir unser Handwerk verstehen, gelingt uns dies sogar, ohne Anwender darauf aufmerksam zu machen, dass wir ihren Blick sanft lenken.

Orientierung ist alles

360-Grad-Filmproduktionen dürfen für den VR-Anwender nicht zur großen Desorientierung führen. tenor.com

Im konventionellen, planaren Film werden Dinge, auf die sich der Zuschauer konzentrieren soll, durch den Bildausschnitt bzw. die Schnittfolge klar ersichtlich. Von einer Blickführung kann hier also nur innerhalb des durch den Bildausschnitt begrenzten Bereichs gesprochen werden. Doch auch schon in diesem begrenzten Bereich muss die Blickführung bedacht werden. So können Primärpunkte oder Fluchten der Orientierung dienen und dazu beitragen, eine sogenannte Kontinuitätsillusion zu wahren.

Eine 360-Grad-Filmproduktion dagegen lässt jedem Rezipienten die Freiheit, die 360-Grad-Umgebung selbstständig zu explorieren. Der VR-Nutzer navigieren sich mittels Kopfbewegung durch die Bildausschnitte und bestimmt damit sozusagen Kameraeinstellungen und -schwenks selbst.

Während sich eine spürbare Nähe in 2D mit Detailaufnahmen erreichen lässt, werden VR-Headset-Betrachter quasi mitten in eine 360-Grad-Aufnahme hineinpositioniert und erfahren sich als Teil oder gar Mittelpunkt des Geschehens.

Trotz dieser Unterschiede kann für die Blickführung im 360°-Film auf einige Methoden zurückgegriffen werden, die wir aus dem konventionellen Film kennen. Durch geschicktem Einsatz von Licht und die bewusste Verwendung von hervorstechenden Farben kann beispielsweise das Interesse des Zuschauers geweckt werden. Anders als im planaren Film muss dabei jedoch bedacht werden, dass Zuschauer diese Elemente nicht zwangsweise im peripheren Sichtfeld sehen.

Um zu verstehen, wie der Blick des Zuschauers dennoch gelenkt werden kann, müssen wir verstehen, wie 360°-Anwender in der Regel Umgebungen betrachten: Zuschauer mit etwas Erfahrung in virtuellen Welten versuchen in den ersten Sekunden, in denen sie vom 360°-Film in eine neue Umgebung versetzt werden, diese zu erfassen. Sie blicken dabei oft einmal rundum in jede Richtung. Finden sie dabei etwas, das ihr Interesse weckt – zumeist Darsteller, aber zum Beispiel auch hervorstechende Requisiten – so bleibt ihr Blick oftmals auf diesen Punkten hängen. Wenn wir antizipieren können, welche Elemente in unserer 360°-Umgebung für Zuschauer interessant sind, haben wir also eine gute Ausgangsbasis, um von hier den Blick weiter lenken zu können. Alle Punkte, die wir als interessant erachtet, definieren wir als „Points of Interest“ – kurz POIs. Visual cues verstärken POIs weiterhin: Grafiken oder Text in Nähe zu spezifischen Interessenspunkten, ersichtliche Hinweise eines Schauspielers auf Gegenstände außerhalb des gewählten Bildausschnitts u.a., können stabilisierende Akzente setzen. Nachdem wir dem Zuschauer einige Sekunden Zeit gegeben haben, sich zu orientieren, versuchen wir nun, den Blick auf unsere Haupthandlung zu lenken.

Um den Blick von einem POI zu einer anderen Stelle weiter zu lenken, können wir uns verschiedener Mittel bedienen. Dazu zählen:

  • Bewegungen (Zuschauer tendieren dazu, einer Bewegung von Charakteren und Objekten zu folgen, wenn sich diese durch ihr Sichtfeld bewegen)
  • Blicke (Blickt ein Charakter deutlich auf eine andere Stelle im Raum, wird der Zuschauer dem Blick folgen)
  • Audio-Cues (durch Geräusche können wir Veränderungen in der Umgebung signalisieren – beispielsweise das Geräusch vom Öffnen einer Tür. Zuschauer müssen hierfür entweder schon ein Gefühl für die 360°-Umgebung haben – im Beispiel wissen, wo sich die Tür befindet – oder es muss Spatial Audio eingesetzt werden, mit dem die Richtung klar verortet werden kann)
  • Kontext (beispielsweise bei Dialogen, in denen Zuschauer intuitiv von einem Charakter zum anderen blicken)

Viele Zuschauer ohne Erfahrung mit VR-Headsets blicken anfangs sehr starr in eine Richtung, da sie nicht gewohnt sind, beim Medienkonsum Entscheidungsfreiheit zu haben. Diese Zielgruppe muss also durch sehr klare Signale gerade am Anfang des Films dazu motiviert werden, den Blick schweifen zu lassen.

360-Grad-Videoproduktion Insta 360 Pro/ Continental

360-Grad-Produktion der Aspekteins GmbH für Continental: gedreht wurde die 360-Grad-Experience mit der 360-Grad-Kamera Insta360 Pro. Dabei muss jede Position der Protagonisten gut vorbereitet werden – die Kamera erfasst die Umgebung vollsphärisch und (fast) kein Winkel bleibt unbeachtet.

Auch wenn VR-Zuschauer bei einem 360-Grad-Video die Möglichkeit haben, ihren Blick frei wandern zu lassen und die Perspektive selbst zu wählen, ist es sinnvoll mit verschiedenen Handlungsräumen zu arbeiten.

Es empfiehlt sich, eine primäre Handlung (wesentliche Story) zu definieren, die für den Zuschauer jederzeit klar ersichtlich ist. Diese sollte durch weitere Handlungsebenen maximal flankiert, niemals jedoch überschattet werden. So wissen VR-Headset-Nutzer immer, wohin sie im Zweifelsfall blicken müssen. Sekundäre Handlungen dürfen also nie zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Eine 360-Grad-Filmproduktion sollte idealerweise auch mit einer Primärhandlung beginnen – und dem VR-Rezipienten einen guten Einstieg in die Story garantieren.

Beim Umschnitt zwischen zwei Einstellungen müssen alle POIs bedacht werden, bei denen wir antizipieren, dass Zuschauer am Ende der Einstellung in deren Richtung blicken könnten. Zu jedem relevanten POI am Ende der ersten Einstellung muss es einen entsprechenden POI in der zweiten Einstellung geben, sodass der Umschnitt keinen Zuschauer verwirrt. Die Blickführung muss von jedem dieser neuen POIs weitergeführt werden. Dies erfordert es, sich vor dem Dreh – schon bei der Wahl der Kameraposition und der Gestaltung des Drehortes – genau darüber klar zu werden, welche Blickrichtungen mit relevanten Gestaltungselementen versehen werden müssen. Die Blickrichtung ist dabei nicht nur über die horizontale Blickachse, sondern auch über die vertikale Blickachse definiert. Am konkreten Beispiel bedeutet dies: Liegt ein relevantes Objekt in der Einstellung vor dem Umschnitt am Boden (sodass der Zuschauer seinen Blick nach unten richtet), so muss im selben Winkel auch in der Einstellung nach dem Umschnitt ein POI platziert werden – beispielsweise ein am Boden liegender Darsteller. Um den Blick wieder auf Augenhöhe zurück zu versetzen, kann der Darsteller in der zweiten Szene zum Beispiel aufstehen (Blickführung durch Bewegung).

Masterclass 360° Videosummit Leipzig 2018

Weniger…ist mehr

Grundlegend wird ein Blickwechsel bei 360-Grad-Filmproduktionen nicht allein durch Augenbewegung geleitet, sondern ist mit der gesamten Körperausrichtung verbunden.

Daher ist die räumliche Involviertheit eines VR-Rezipienten umfassender und sogenannte Immersionsbrüche können durch Desorientierung & Stress ungünstig befördert werden. Während Cuts eine Narration in 2D erst so richtig voran bringen, gilt dieser Umstand weniger für 360°-Produktionen.

Eine einzelne Einstellung in 360°-Filmen ist meist deutlich länger als durchschnittliche Einstellungen in konventionellen Filmen – schließlich muss dem Zuschauer genug Zeit gegeben werden, sich in der neuen Umgebung zu orientieren, bevor die Blickführung überhaupt zuverlässig erfolgen kann. Meist werden Einstellungen in 360°-Videos für 20-30 Sekunden gehalten – natürlich abhängig vom dargestellten Inhalt. Ein Umschnitt innerhalb der selben Umgebung ist nur dann nötig, wenn große Sprünge im Raum überwunden werden müssen oder Teile des Raumes sonst nicht einsehbar wären – hier muss schon beim Dreh genau bedacht werden, wie die Kamera ausgerichtet werden muss, sodass der Umschnitt für keinen Zuschauer verwirrend ist – ganz egal, auf welchen POI er sich gerade konzentriert hat.

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