Wieder einmal hat sich YouTube als Pionier erwiesen. Nachdem das Videoportal bereits seit mehr als zwei Jahren 360°-Videoformate unterstützt, hat es nun einen (halben) Schritt zurückgesetzt: Seit Ende Juni können auch 180°-Videos auf YouTube eingestellt werden. Was sich zunächst ausmacht wie ein Rückschritt ist der Versuch, einen Schritt auf Kunden und Konsumenten zuzugehen.

Das VR180-Videoformat auf YouTube

In Zusammenarbeit mit den Visionären von Google Daydream hat YouTube sein neues Videoformat, VR180 genannt, entwickelt. Während YouTube 360°-Videoformate weiterhin unterstützen wird, sichert das Videoportal mit der Einführung des 180°-Formats die Generierung von innovativem User Generated Content: YouTube lebt zu keinem geringen Teil davon, dass seine Nutzer ihre eigenen Videoinhalte erstellen und hochladen. ‚Hausgemachte‘ 360°-Videos gab es bislang allerdings kaum auf YouTube. Das neue Format soll es den YouTubern deutlich einfacher machen,  immersive Videoinhalte zu nutzen und selbst zu produzieren. Dazu heißt es im YouTube-Blog:

VR180 fixiert, was sich unmittelbar vor dir befindet, ist hochauflösend und sieht auf Desktopcomputern und Mobilgeräten großartig aus. Wenn du VR180 mit Cardboard, Daydream oder PSVR anschaust, geht es nahtlos in eine VR-Anwendung über und du siehst das Video stereoskopisch im 3D-Format, so dass nahgelegene Dinge nahgelegen aussehen und weitentfernte Dinge weitentfernt. VR180 unterstützt außerdem Livestreaming, damit Content-Ersteller und Nutzer in Echtzeit beisammen sein können.“ (meine Übersetzung)

Es schließt sich der Kreis, oder: Die Vorteile des 180°-Formats

Die Erstellung von 360°-Videos ist bislang die Domäne von professionellen Filmproduktionsfirmen geblieben. Das liegt zum einen an der hochkomplexen Kameraausrüstung, die für das Filmen von 360°-Inhalten benötigt wird. Die Experten der Aspekteins beispielsweise verwenden high-end Geräte wie Jaunt One, Nokia OZO oder entwickeln gar ein individuell angefertigtes Kamera-Rig. Zum anderen erfordern 360°-Videos einen aufwändigen finalen Bearbeitungsschritt der als ‚Postproduktion‘ bezeichnet wird. Die Postproduktion bei 360°-Videos umfasst beispielsweise das Stitching und die Bildretouche. Beim Stitching werden die Aufnahmen der einzelnen Kameras des 360°-Rigs nachträglich an den Schnittstellen ‚zusammengenäht‘. Während der Bildretouche verschwindet die zum Dreh benötigte technische Ausstattung gänzlich aus dem Video – Beleuchtung, Kabel, Kamera und die Crew werden kurzerhand wegretouchiert. Kein Wunder also, dass die 360°-Postproduktion den Profis vorbehalten ist.

180°-Videos hingegen werden in Zukunft für den Durchschnittsnutzer deutlich zugänglicher sein. Glaubt man dem offiziellen Blog von YouTube, werden Content-Ersteller ihre 180°-Videos schon bald selbst mit Tools wie Adobe Premiere Pro bearbeiten können. Außerdem, so heißt es, arbeite Google Daydream bereits mit Herstellern wie Lenovo, LG und YI an der Entwicklung von massentauglichen und erschwinglichen 180°-Kameras. Noch Ende des Jahres sollen die ersten dieser Geräte auf den Markt geworfen werden und allen YouTubern die Produktion von eigenen 180°-Videos ermöglichen. Ob sich Massentauglichkeit jedoch mit Qualität verbinden lässt, sei dahingestellt.

Die Quadratur des Kreises, oder: Die Nachteile des 180°-Formats

Das neu eingeführte 180°-Videoformat beinhaltet jedoch auch potentielle Sollbruchstellen. Denn ganz im Stil der viel älteren 3D-Technik funktioniert auch das 180°-Videoformat über zwei nebeneinander platzierte fish-eye Kameraobjektive, die ihre Umgebung weitwinklig aufzeichnen. Stereographisch betrachtet ergeben sich hierbei erhebliche Schwierigkeiten: Bei dreidimensionalen Filmaufnahmen hängt die Tiefenschärfe des Films maßgeblich vom interaxialen Abstand der beiden Kameraobjektive ab. Kann der Abstand zwischen den beiden fish-eye Objektiven nicht ausreichend verringert werden, erleidet die 3D-Aufnahme einen beträchtlichen Qualitätsverlust. Aus diesem Grund variiert der interaxiale Abstand bei professionellen 3D-Filmproduktionen sogar während ein- und desselben Aufnahme.

Massentauglichen 180°-Kameras wird diese Art der Feinabstimmung des interaxialen Abstands zwischen den Objektiven unmöglich sein. Die absehbaren Mängel (excuse the pun) der resultierenden 180°-Videos beinhalten unter anderem eine unangenehm hohe Augenbelastung. Da ist es also wieder, das altbekannte Gerangel zwischen Quantität und Qualität: Das steigende Niveau von 180°-Videoinhalten wird also wohl Hand in gehen mit einer Welle schlechter Videoqualität auf YouTube.

Das 180°-Video und die professionelle Filmproduktion

Für die professionelle Filmproduktion allerdings ist das neue 180°-Format weitaus erfreulicher als für den technikbegeisterten Laien. Wie 360Desings richtig feststellen, ist das 180°-Format mitnichten eine Herausforderung für Filmproduktionsfirmen, die sich ohnehin mit der Erstellung von 360°-Videos widmen. Ganz im Gegenteil: Ein einziges 360°-Kamera-Rig kann problemlos in gleich zwei 180°-Kamera-Rigs konvertiert werden, während mit dem Stitching und der Bildretouche gleich zwei beträchtliche Phasen der Postproduktion nahezu wegfallen. Darüber hinaus kann ein fertig produziertes 360°-Video problemlos auf ein 180°-Format herunter ‚gestutzt‘ werden. So kann es gleichzeitig im 180°-Format auf YouTube und im 360°-Format auf anderen Plattformen eingespielt werden.

Für kommerzielle Kunden wäre es demnach sinnvoll, gleich in die vollumfängliche Produktion eines 360°-Videos zu investieren und sich die 180°-Version bei Bedarf mitliefern zu lassen. 180°-Videos mögen einfacher zu produzieren sein, aber sie sind eben nur die eine Seite der Medaille. Das 360°-Videoformat bleibt zukunftsweisend, nicht zuletzt angesichts der fortschreitenden Entwicklung und Verbreitung von VR-Inhalten auf allen bekannten Social Media-Kanälen. Es mutet seltsam an, dass YouTube jetzt auf VR180 setzt, während der Social Media-Riese Snapchat  seit dem vergangenen Jahr 360°-Anwendungen unterstützt und auch weiterhin in Augmented Reality-Inhalte investiert.

Betrachtet man die Produktion der Inhalte von einem pragmatischen Standpunkt aus, so lassen sich 180° Videos vergleichsweise einfach in hoher Qualität produzieren. Hierdurch wird die Einstiegshürde in virtuelle Welten nochmals heruntergesetzt und einem weitläufigeren Kundenkreis zugänglich gemacht, was einen wachsenden Nutzerzufluss mit sich bringen wird. Sofern die Entwicklung einer Virtual-Reality App in Frage kommt lassen sich im Rahmen der Umsetzung sowohl 360° wie auch 180° Inhalte einbinden.

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Eva Michely
Eva Michely
Eva Michely arbeitet aktuell an ihrer Dissertation zu zeitgenössischer irischer Literatur und Film. Bei der Aspekteins GmbH weitet sie das Kernthema ihrer Forschung über den traditionellen Film hinweg zu innovativen Medien- und Erzählformaten aus und beschäftigt sich mit den gestalterischen, sozialen und wirtschaftlichen Potentialen von 360° Video, Virtual-Reality, Augmented-Reality und Mixed-Reality.

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