Magic Leap, der halb-mythische, mehrere Milliarden schwere US-Konzern mit Sitz in Florida, setzt schon länger an zum großen Sprung. 2011 gegründet versprach Magic Leap nicht weniger als die Erschaffung einer revolutionären mixed-reality Brille, die alle bisher entwickelte VR-Headgear in den Schatten stellen sollte. Sechs Jahre später ist zwar noch immer keine Brille auf dem Markt, aber der Medienrummel um das Unternehmen nimmt einmal mehr an Fahrt auf.

Von Magic Leap zu Magic Leak

In der jüngeren Vergangenheit machte Magic Leap eher mit Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam: Zu Beginn des Jahres strebte die ehemalige Vizepräsidentin für Marketing und Brand Identity ein Gerichtsverfahren gegen den Konzern an. Sie warf ihrem ehemaligen Arbeitgeber die Kultivierung eines frauenfeindlichen Arbeitsklimas vor, was die internen Arbeitsabläufe vergifte und das Einhalten von Deadlines erschwere. Etwa zeitgleich war ein Foto an Business Insider geleakt worden, auf dem angeblich der Magic Leap-Prototyp zu sehen war. Das Foto sorgte für Furore im Netz, da der Prototyp neben dem erwartbaren Kopfteil auch aus einem wuchtigen Rucksack für die Platine, einem tragbaren Batterieapparat sowie jeder Menge Kabel bestand. Magic Leap-Gründer Rony Abovitz bemühte sich um Schadensbegrenzung auf Twitter und erklärte, dass das Foto nur ein „R&D test rig“ zeige, welches zum Sammeln von Raumdaten verwendet werde. Ob nun „test rig“ oder Prototyp, es blieben Restzweifel, ob Magic Leap in absehbarer Zukunft ein Produkt in Größe einer Skibrille auf den Markt bringen würde.

Großer Sprung oder kleine Schritte?

Im August dieses Jahres erschienen dann vielversprechende Patentzeichnungen der Magic Leap-Smartglasses, auch diesmal auf Business Insider. Darauf war eine stylische Brille mit ovalen Gläsern und breiten Fassungen zu sehen, die über ein zweites Paar rechteckiger Linsen zwischen Gläsern und Augen verfügte. Davon abgesehen ließ nur die große, mit Sensoren versehene Frontseite der Sportbügel auf eine zusätzliche Funktion der Brille schließen. Eine Magic Leap-Sprecherin verneinte, dass die Patentzeichnung wirklich das fertige Produkt abbilde. Allerdings, so berichtet Business Insider, soll die Demoversion der Magic Leap-Smartglasses der Patentzeichnung überaus nahe kommen.

Quelle: Business Insider

 

Seit der Firmengründung im Jahr 2011 hat sich Magic Leap in geheimnisvolles Schweigen gehüllt – von großmundigen Ankündigungen eines revolutionären AR-Produktes abgesehen. In Wirklichkeit handelt es sich wohl weniger um einen einzigen magischen Sprung als um viele kleine Schritte der großen, massentauglichen Innovation entgegen. Und für diesen langen Weg ist das Unternehmen bestens gerüstet: Erst zu Beginn diesen Jahres hat es die 3D-Abteilung des schweizer Start-Ups Dacuda aufgekauft und somit seine Basis auf dem europäischen Kontinent ausgebaut. Magic Leap wird derzeit auf einen Wert von 4,5 bis 6 Milliarden US-Dollar geschätzt. Ganze 1,4 Milliarden davon soll das Unternehmen von namhaften Investoren bekommen haben, zu denen Schwergewichte wie Alibaba, Andreessen Horowitz, Google und JPMorgan zählen. Die letzte Verhandlungsrunde mit Temasek Holdings, einem Investmentunternehmen aus Singapur, gipfelte in einer weiteren Finanzierungsrunde in Höhe von über 700 Millionen Dollar.

Viel Lärm um… was eigenlich?

Es ist anzunehmen, dass Leute wie Andreessen Horowitz (die bereits erfolgreich in Facebook investiert haben) wissen, was sie tun. Wenn die Magic Leap-Smartglasses halten, was sie versprechen, ist jede noch so hohe Investition bestens angelegt. Denn der Entwicklungsprozess bei Magic Leap ist nicht zuletzt so langwierig, weil das Unternehmen alle Soft- und Hardware-Komponenten und Inhalte selbst entwickeln will. Unbestätigten Berichten zufolge wird Magic Leap in sechs Monaten, also im Frühjahr 2018, die ersten Smartglasses an eine kleine, auserwählte Verbrauchergruppe aussenden. Die Magic Leap-Smartglasses sollen kleiner sein als die Konkurrenzprodukte wie zum Beispiel das Oculus Rift VR-Headset, allerdings aber das Mitführen einer Akkus und eines weiteren Geräts erfordern, welches das Headset mit Grafikdaten füttert. Bei einem stolzen Preis von 1.500 bis 2.000 US-Dollar pro Brille wäre Magic Leap gut beraten, sein Versprechen eines atemberaubend neuartigen AR-Erlebnisses einzulösen.

Larger than life: Leben in der gemischten Realität

Was Magic Leap als „mixed reality“, also als „gemischte Realität“ bezeichnet, ist in der Tat nicht weniger als ein bahnbrechendes Entwicklungsprojekt. Die Magic Leap-Brille, auch „the beast“ genannt, verspricht den Beginn einer neuen Computergeneration – ein kontextsensibles und hoch tragbares Gerät, das die Funktionalitäten von Laptop, Smartphone und VR-Headset in sich vereint – der nächste Schritt zum räumlichen Immersive Computing. Die Brille funktioniert über die Generierung digitaler Lichtfelder, die sie direkt auf die Netzhaut des Verbrauchers projiziert. Aufgrund der transparenten Gläser verschmilzt die Wahrnehmung der digital generierten Inhalte nahtlos mit der Wahrnehmung der realen Umgebung: Vor den Augen des Nutzers entsteht die gemischte Realität, in der sich die reale und die virtuelle Welt in einer bunteren, angereicherten Welt vereinigen. Die visuelle Wahrnehmung der digitalen und der realen Inhalte beansprucht dabei dieselben Prozesse in Auge und Gehirn, so dass für den Anwender keinerlei visuelle Konflikte entstehen – die Brille verursacht keinen Schwindel, keine Zeitverzögerung, keine Pixel, sondern täuschend echte Bildschärfe, Helligkeit und Farbtiefe. Die pure Illusion einer wirklich ‚gemischten‘ Welt. Berichten zufolge übertrifft Magic Leap seine Konkurrenten maßgeblich was Illusionswerte in der synthetischen Realität betrifft. Wer den Prototyp getestet hat, wird augenscheinlich sofortiger Magic Leap-Enthusiast – das gilt sogar für Herr der Ringe-Regisseur Peter Jackson.

Die Einsatzmöglichkeiten der Brille, wenn sie denn erst einmal erschienen ist, sind schier grenzenlos. Neben dem ganz offensichtlichen Wow- und Unterhaltungsfaktor, wäre die Brille zu vielseitigen Bildungs-, Forschungs-, Schulungs- und Unterrichtszwecken einsetzbar. Magic Leap selbst scheint sogar an einen vollintegrierten gemischt-virtuellen Arbeitsplatz zu denken, an dem privates und berufliches Leben in einer Art virtuellem Home Office nahtlos ineinander übergehen:

Ein großer Schritt für die digitale Welt

Rony Abovitz, der Gründer von Magic Leap, ist liebenswerter Idiosynkrat, wundersamer Geek. Er zeichnet Cartoons, liebt Science Fiction, ist zugleich Natur- und Technikfreak und hat bezeichnender Weise einen Abschluss in Biomedizin. Seine Eltern waren Künstler und Erfinder und so verwundert es nicht, dass auch Abovitz nur so vor Ideen sprüht. Dennoch wird erst die Zeit zeigen, ob Magic Leap sich gegen die übermächtige Konkurrenz von Impulsgebern wie Amazon, Facebook, Google, Microsoft, Samsung, Snapchat und Sony durchsetzen kann, die den VR- und AR-Markt bereits erfolgreich besetzt haben. Globale Unternehmen erkennen zunehmend die Potentiale von immersiven Inhalten für Marketing und Branding derweil die Anwendungsmöglichkeiten von VR zum Beispiel in Bildung, Forschung und Medizin noch am Beginn ihrer Entwicklung stehen. Die Virtuelle Realität ist längst mehr als ein Gimmick für Gamer – sie ist die Zukunft der digitalisierten Welt.

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Bildrechte: © Orlando Florin Rosu / Fotolia

Eva Michely
Eva Michely

Eva Michely arbeitet aktuell an ihrer Dissertation zu zeitgenössischer irischer Literatur und Film. Bei der Aspekteins GmbH weitet sie das Kernthema ihrer Forschung über den traditionellen Film hinweg zu innovativen Medien- und Erzählformaten aus und beschäftigt sich mit den gestalterischen, sozialen und wirtschaftlichen Potentialen von 360° Video, Virtual-Reality, Augmented-Reality und Mixed-Reality.

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