Amazon, der weltweit größte Online-Versandhändler im Medienbereich, ist immer für eine Überraschung gut. Längst hat er das Kaufverhalten von Millionen Leseratten, Music Freaks und Film Buffs revolutioniert und mit Streamingdiensten wie Amazon Prime Einzug in die deutschen Haushalte gehalten. Diesem Siegeszug soll nun eine weitaus intimere Kontaktaufnahme folgen: In absehbarer Zeit will der Konzern seine eigene intelligente Datenbrille auf den Markt werfen, aus der die Stimme des Sprachdienstes Alexa direkt in die Ohren der Verbraucher dringt.

Von Enterprise zu Echo

Alexa, Amazons Sprachassistent, ist angeblich nach der antiken Bibliothek von Alexandria benannt. Das ist kein Wunder, denn mit dem Internet verbunden spuckt Alexa, stets höflich und wohlgelaunt, die Antwort auf alle möglichen (und unmöglichen) Nutzerfragen aus. Alexa erfreut sich seit 2014 großer Beliebtheit und hat sogar die starke Konkurrenz von Apple’s Siri und Google Now bzw. Google Assistant in den Schatten stellen können. Einem Bericht der Financial Times zufolge entwickelt Amazon nun seine ersten eigenen Smart Glasses, die speziell auf den Sprachdienst Alexa zugeschnitten sein sollen.

Bisher drang Alexas Stimme durch das Amazon Echo-Audiogerät ans Verbraucherohr. Verbunden über WLAN oder Bluetooth und mit sieben Mikrofonen, einem Lautsprecher und Richtstrahltechnologie ausgestattet reagiert der Echo sensibel auf die Stimmkommandos der Verbraucher. Auf Anfrage kann er zum Beispiel Kontakte anrufen, Musik abspielen, die Außentemperatur ermitteln oder auch einen Pizzaservice in der Nähe googlen – Alexa verkündet die Suchergebnisse dann über den Echo-Lautsprecher. Zur großen Freude aller Star Trek-Fans hat Amazon zu Beginn dieses Jahres ein zusätzliches Aktivierungswort für die Sprachsteuerung freigeschaltet: Neben „Alexa“, „Amazon“ und „Echo“ hört der Sprachassistent seit Januar auch auf „Computer“. Pünktlich zum Serienstart von Star Trek Discovery am 24. September ist Alexa zusätzlich mit weiteren Star Trek Fähigkeiten ausgestattet worden: „Alexa, damage report!“ wird prompt mit dem Wetterbericht und einigen außergewöhnlichen Pressemeldungen beantwortet, während bei „Alexa, red alert!“ oder „Alexa, beam me up!“ Star Trek Sound Effects erklingen. Sogar Klingonisch gehört nun zu Alexas Repertoire.

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Knopf im Ohr ist Schnee von gestern

Amazon hat sich mit dem Echo einmal mehr als Marktführer etabliert – der Echo war der erste smarte Lautsprecher überhaupt und die Konkurrenz von Google und Apple hatte ihre liebe Not, die Lücken in ihrem Sortiment mit vergleichbaren Produkten zu schließen. In Fall der Datenbrille ist der Spieß umgedreht – die neue Brille ist in gewisser Weise Amazons Antwort auf Google Glass: 2014 hat Amazon den Google Glass-Gründer Babak Parviz erfolgreich abgeworben und die Öffentlichkeit auf das Erscheinen einer eigenen Datenbrille hoffen lassen. Amazon folgt von Google beschrittenen Wegen und arbeitet an der Integration einer innovativen Audiofunktion. Die Brille soll ohne die herkömmlichen Kopfhörer bzw. Kopfhörerstöpsel auskommen und sich stattdessen eines Knochenschallsystems bedienen, bei dem der Schall über den Schädelknochen des Brillenträgers geleitet wird. Diese Technik, die bereits bei Google Glass Verwendung fand, macht die Audioinhalte zwar für den Träger der Brille, nicht jedoch für Umstehende hörbar. Knopf im Ohr, liebenswert bei unseren knopfäugigen Plüschfreunden von Steiff, ist in der Datenbrillenentwicklung Schnee von gestern.

Through a glass, darkly…

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden auch die Amazon Glasses ein Mikrophon beinhalten, über das man mit Alexa in Verbindung treten kann. Zudem soll die Amazon Brille schlanker in der Erscheinung werden und somit von einer herkömmlichen Optikerbrille nicht mehr zu unterscheiden sein. Das ist ein großer Fortschritt, wenn man bedenkt, dass die erste Generation  Datenbrillenträger schon bald als „glassholes“ beschimpft wurden. Allerdings stellt sich die Frage, wozu (mit Verlaub) man eine Datenbrille braucht, durch die man nicht mehr und nicht weniger sieht, als durch herkömmliches Fensterglas. Denn anders als beispielsweise die Smart Glasses von Google oder Snapchat soll die Amazonbrille weder über Kamerafunktionen noch über Displays verfügen. Somit ist sie zwar für diejenigen Verbraucher akzeptabel, die Datenbrillen in der Vergangenheit aus Gründen der Privatsphärenschutzes kategorisch abgelehnt haben. Sie wird jedoch nicht in der Lage sein, Augmented Reality- oder Mixed Reality-Inhalte in das Sichtfeld zu integrieren.

Demzufolge zeichnen sich die Amazon Smart Glasses in erster Linie durch ihre Kompatibilität mit dem Sprachdienst Alexa aus und sind somit die mobile Ergänzung zum intelligenten Echo-Lautsprecher zuhause. Kabellos mit dem Smartphone verknüpft leisten sie eine nahezu unsichtbare, tragbare Direktverbindung zu Alexa. Der Umweg über die mobile Alexa-App entfällt, denn über die Brille ist der Sprachdienst allzeit bereit. Zudem bietet sie direkten Zugriff auf die Rechenleistung des Smartphones – per Sprachsteuerung, im Gehen, freihändig und jederzeit. Das schlichte Erscheinungsbild macht sie in der Öffentlichkeit dabei weniger auffällig als andere Kopfhörer, Headsets oder Datenbrillen und weitaus weniger unfallträchtig als im Gehen bediente Smartphones. In einer fremden Stadt kann man Alexa nun bequem nach dem Weg fragen, ohne seinen Schritt verlangsamen zu müssen. Vielleicht gibt es Alexa zukünftig auch als GPS-sensible Reiseleiterin? Ganz ohne roten Regenschirm nimmt sie wahr, an welcher Sehenwürdigkeit man sich befindet und informiert dann umfassend und kurzweilig über die Geschichte des Ortes. We can dream…

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Smarte In-ear Kopfhörer

Die Amazon Smart Glasses unterscheiden sich in der Handhabung also von intelligenten In-ear Kopfhörern, wie beispielsweise dem Sony Xperia Ear. Im Herbst 2016 erschienen besteht das Xperia Ear aus nur einem einzigen Knopf, wiegt gerade 7 Gramm und ist bei Amazon derzeit für 163,50€ erhältlich. Über Bluetooth kabellos mit dem Smartphone gekoppelt bietet das Xperia Ear Zugang zu Sonys eigenem Xperia Agent, zu Google Voice und, bei Samsung Smartphone, sogar zu Samsung S Voice. Über die Sprachsteuerung kann man dem Sprachassistenten Fragen stellen, sich Wegbeschreibungen und Termine vorlesen lassen und Text- sowie Sprachnachrichten senden, empfangen und beantworten. Dank der intuitiven Bewegungssteuerung nimmt das Xperia Ear sogar Gesten und Kopfbewegungen wahr. Fragen des Sprachdienstes kann man bequem und diskret mit einem Kopfschütteln oder –nicken beantworten. Auch nimmt es wahr, wenn es ins Ohr eingesetzt wurde und schaltet sich automatisch ein. Das Xperia Ear besteht allerdings nur aus einem einzigem Knopf-im-Ohr und ist für Musikfreaks somit denkbar ungeeignet.

Das Sony Xperia Ear im Case

 

Anders verhält es sich bei dem Konkurrenzprodukt von Doppler Labs, Here One, das im Frühjahr 2017 auf den Markt kam und per Sprachsteuerung mit Alexa, Cortana, Siri und Google Now kommunizieren kann: Wie herkömmliche Kopfhörer bietet Here One zwei Knöpfe-im-Ohr und verspricht somit ein angenehmeres Telefonie- und Musikerlebnis. Zudem verfügt es über einen effektiven Lärmfilter, der durch gleich mehrere integrierte Mikrofone und Prozessoren besonders leistungsfähig ist. Weiterhin ermöglicht es die Überlappung mehrerer Geräuschquellen, so dass man gleichzeitig Musik streamen und Umgebungsgeräusche wahrnehmen kann. Für unbelehrbare Fußgänger und Fahrradfahrer ist das zweifelsohne ein beachtlicher Sicherheitsgewinn. Für die zusätzlichen Funktionen muss der geneigte Nutzer allerdings tiefer in die Tasche greifen: Here One ist bei Amazon derzeit erhältlich für 329€ und damit doppelt so teuer wie das Xperia Ear.

Doppler Labs Here One

 

Amazon Echo hört und sieht

Das genaue Erscheinungsdatum der Amazon-Brille ist zwar noch nicht bekannt, aber sie könnte gemeinsam mit anderen Amazonprodukten noch dieses Jahr, pünktlich zu Weihnachten, auf den Markt kommen. Der Echo 2, angekündigt für Ende Oktober, soll das bisherige Echo-Audiosystem ablösen und eine neue Verbindung zu Alexa schaffen. Der neue Echo leistet angeblich bessere Audioqualität als sein Vorgänger und kommt noch dazu mit einem kleineren, eleganteren Gehäuse aus. Während der ‚alte‘ Echo nur einen Hochtöner und einen Subwoofer beinhaltete, soll der Neue mit gleich mehreren Hochtönern daherkommen und so ein deutlich verbessertes Klangerlebnis ermöglichen. Der bereits sieben Mikrophone des alten Echo zum Trotz, soll der Echo 2 zusätzlich mit einer verbesserten Mikrofonqualität aufwarten und so die Kommandos seiner Nutzer auch bei Umgebungslärm noch besser verstehen.

Amazon Echo Show, Quelle: engadet.com

 

Zuwachs zur „Alexa-Familie“ kommt auch in Form einer eigenen Überwachungskamera. Die Überwachungskamera ist für den häuslichen Gebrauch bestimmt und soll kompatibel sein mit dem Echo Show-Bildschirm, auf dem die Bilder der Überwachungskameras abgerufen werden können. An dieser Technik arbeitet Amazons (ehemals) geheime Lab126-Abteilung, deren Existenz inzwischen ein eher offenes Geheimnis ist. Lab126 befasst sich augenscheinlich mit dem Smart Home-Markt. Schon jetzt fungiert der Echo Show als Alexas visuelle Unterstützung und zeigt zum Beispiel Bahnverbindungen, Kochrezepte und Tagesschauinhalte an. Auf Zuruf kann Alexa auch heimische Lichtquellen, Steckdosen, Heizungsthermostate, Rolläden und Elektrogeräte ansteuern. Zu Amazon’s Kooperationspartnern im deutschen Smart Home-Sektor zählen unter anderem Honeywell, Philipps, Telekom und Spotify.

Obwohl sich Amazon mit dem Echo-Audiosystem die Pionierrolle im Smart Home-Bereich sichern konnte, bleibt der Markt hart umkämpft. Für den dauerhaften Erfolg der Alexa-Familie spricht allerdings die eng gewebte und perfekt funktionierende Infrastruktur, die Amazon in den letzten Jahren rund um Alexa aufgebaut hat. Alexa bietet eine personalisierte Verbindung zwischen der globalisierten Konsumwelt des Handelsriesen mit der privaten Welt des Eigenheims. Die Amazon-Datenbrille bindet den Konsumenten als Individuum in diese Beziehung ein: Zukünftig trägt er Alexa immerhin am eigenen Körper – als Modeaccessoir, das ihm zum Ausdruck seiner Persönlichkeit verhilft.

Alexa goes vir(tu)al

Alexa ist noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen. So lange jedenfalls nicht, bis sie neben der auditiven auch eine visuelle Existenz besitzt. Zwar soll die Amazon-Brille selbst über keine VR/AR-Funktionalität verfügen, es ist jedoch schwer vorstellbar, dass Alexa dauerhaft ein Leben als Stimme fristen soll. Mittelfristig wäre ein Alexa-Avatar auf dem Echo-Show eine denkbare Zwischenlösung, langfristig sollte sie als virtuelle Assistentin aber schon ins heimische oder berufliche Umfeld einziehen können. Denkbar wäre die Entwicklung einer Alexa-App für Augmented Reality-Headsets, wie zum Beispiel Microsoft Hololens, die dem Verbraucher eine face-to-face Interaktion mit Alexa ermöglicht.

Aber auch ohne Avatar könnte Alexa in die immersive Welt einziehen. Virtual Showrooms eröffnen dem Immobilien- und Automobilhandel schon jetzt beachtliche Marketing- und Vertriebsvorteile. Umso erstaunlicher ist es, dass Amazon die Vorzüge der virtuellen Verkaufsräume noch nicht für seinen Smart Home-Sektor entdeckt hat. Nichts wäre einfacher, als die vorhandene Alexa-Infrastruktur für einen virtuellen Shoppingassistenten zu nutzen. Beispielsweise könnten Innenaufnahmen der Echo-Kameras in den Echo Show (oder, idealerweise, ein AR-Headset) eingespeist werden. Per Sprachsteuerung könnte Alexa dann darum gebeten werden, z.B. eine Auswahl an Deckenbeleuchtung aus dem Amazonangebot virtuell ins Wohnzimmer zu katapultieren. Das würde so manchem Kunden die Kaufentscheidung erleichtern und ganz sicher auch den Absatz ankurbeln.

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Bildrechte: © halayalex / Fotolia

Eva Michely
Eva Michely
Eva Michely arbeitet aktuell an ihrer Dissertation zu zeitgenössischer irischer Literatur und Film. Bei der Aspekteins GmbH weitet sie das Kernthema ihrer Forschung über den traditionellen Film hinweg zu innovativen Medien- und Erzählformaten aus und beschäftigt sich mit den gestalterischen, sozialen und wirtschaftlichen Potentialen von 360° Video, Virtual-Reality, Augmented-Reality und Mixed-Reality.

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