Dystopie im Wohnzimmer: „Krasnojarsk“ als 360-Grad-Produktion

4. Juni 2021 Katrin Pape

Dystopie im Wohnzimmer: „Krasnojarsk“ als 360-Grad-Produktion

In Österreich geht das Schauspielhaus Graz mit „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ (vom norwegischen Autor Johan Harstad) völlig neue Wege: Um Zuschauern auch in Corona-Zeiten ein adäquates Pendant zum Live-Schauspiel bieten zu können, setzt das Ensemble erstmalig auf eine 360-Grad-Produktion und katapultiert damit auch VR-Zuschauer unmittelbar hinein in jenen Spannungsbogen postapokalyptischer Sphären, den Dystopien jeglicher Couleur eben zu bieten haben.

Postapokalypse im eigenen Sessel

Schon im Frühjahr 2020 setzte zuvor das Staatstheater Augsburg, neben Online-Streaming, auf 360-Grad-Theater (lesen Sie hier unseren Beitrag „theater@home: VR im Staatstheater Augsburg“). Inzwischen sind dort bereits sieben 360-Grad-Produktionen gestartet, darunter zwei Ballett-Stücke.

Doch zurück zu Krasnojarsk.

Erlebte Dystopie: 360-Grad-Produktion „Krasnojarsk“. Bildquelle: europeantheatre.eu/ Urheberin: Johanna Lamprecht

Gedreht wurde die Dystopie nicht auf der Bühne, sondern draußen im östlichen Grazer Bergenland, einem stillgelegten Kalkwerk, einer Betonruine, einem Freilichtmuseum und rund um den schönen (Nationalpark) Neusiedler See.

Doch die vertrauten Natur-Bilder sind auch Teil einer habhaften Kulisse, in der Menschen mit ihrer Verlorenheit kämpfen. Die hier aufgezeigte Isolation ist nicht (allein) Resultat psychischer Entfremdung, sondern Ausmaß handfester Weltzerstörung. Einige wenige suchen die Übriggebliebenen.

Das Drama fokussiert sich auf einen desillusionierten Anthropologen und eine junge Frau. Er mit GPS und inzwischen ohne jegliches Zeitgefühl auf der Suche nach Artverwandten oder verwertbaren Gegenständen einer untergegangenen Kultur, sie („Kreuzberg“, in Anlehnung an Berliner Tage) mit ein paar Habseligkeiten auf Endlos-Durchmarsch ins Nirgendwo.

Als sich beide begegnen, kehrt zumindest ein wenig Leben zurück. Dafür verantwortlich sind zwei Koffer voll handschriftlicher Notizen: kraftspendendes Zeugnis vergangener Tage – angefüllt mit Menschen-Geschichten.

An dieser Stelle rückt der Wert des Geschichten-Erzählens in den Vordergrund. Narrative konstituieren unsere Identität. Aber sie müssen geteilt und erzählt werden…

360-Grad-Aufnahme aus „Krasnojarsk“. Bildquelle: steiermark.orf.at

Die Fragen danach, wie wir leben wollen, welchen Wert Kultur, welchen Wert (Lebens-) Geschichten haben, was uns am Leben hält, auch seelisch, stellt die VR-Filmproduktion und fordert VR-Headset-Nutzer auf, sich in die Dystopie hinein zu fühlen um dort eigene Antworten zu finden.

Zu diesem Prozess steuert die 360-Grad-Produktion immersive Bilder in Form von 360-Grad-Panoramen bei, die der VR-Headset-Zuschauer aktiv anwählen kann. Konkret entscheidet sich jedes Publikum für seinen persönlichen Blickwinkel und auch die Verweildauer ist nicht durch den Regisseur vorgegeben.

Die 360-Grad-Kamera (Vollsphären-Kamera) nimmt eine Szene in vollständiger Rundherum-Ansicht auf. Anstatt also jeweils nur eine bestimmte Einstellung zu filmen und diese dem Betrachter vorzugeben, lässt die Regie quasi unvoreingenommen alles aufnehmen, was die 360-Grad-Kamera rund um die ausgewählte Szene „sieht“.

Der VR-Anwender erlebt dann das Schauspiel aus nächster Nähe als 3DoF-Erlebnis: als stiller Beobachter.

Sämtliche Emotionen und Konflikte der Schauspieler werden durch diese Perspektivgebung noch eindringlicher zum Zuschauer getragen und binden diesen nachhaltiger in die gesamte Story ein.

Das Schauspielhaus Graz liefert die VR-Headsets per Fahrradkurier aus. Die Rundherum-Aufnahmen der VR-Theater-App können, wie alle 360-Grad-Videos, am Besten von einem flexiblen Sitzplatz aus erlebt werden. Idealerweise wäre dies etwa ein drehbarer Sessel.

„Es muss alles aus einer Einstellung gedreht sein, und dadurch ist es natürlich notwendig, dass man die Szenen ganz durchspielt. Dadurch muss man eigentlich bei jedem Satz im besten Fall auf dem Punkt sein.“

Tom Feichtinger, Regisseur von Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°

Um die Intensität einer 360-Grad-Erfahrung zu verstärken bzw. die visuell beeindruckenden Nutzer-Erlebnisse nicht durch schlecht arrangiertes Audio zu unterlaufen, kann außerdem 3D-/Spatial-Sound eingesetzt werden. Hierbei werden alle drei Raumdimensionen berücksichtigt, wobei Bild und Ton unmittelbar auf die Bewegungen des VR-Nutzers reagieren (dynamische Kopferfassung). Auf dieser Basis können Klangerlebnisse räumlich/zeitlich eingeordnet und User natürlicher in die 360-Grad-Anwendung eingebunden werden.

Perspektiven einer 360-Grad-Produktion

360-Grad-Produktionen bieten eine besonders intensive, persönliche Nutzererfahrung. Abhängig von Content und Intention einer VR-Produktion, können diese Erfahrungsebenen unterschiedliche Berücksichtigung finden.

Beispielsweise können 360-Grad-Videos für die Rezeption eines handelnden Beobachters inszeniert werden, bei dem der stille Beobachter sozusagen zu mehr Handlungsvermögen erwacht und verschiedene Hotspots ansteuern kann. Der Produzent einer 360-Grad-Anwendung kann hierbei also selbst festlegen, wie „frei“ und interaktiv ein virtuelles Nutzererlebnis sein soll.

Einen Schritt weiter geht non-lineares VR-Storytelling. Dabei wird der Verlauf einer Geschichte konkret durch den VR-Teilnehmer mitbestimmt – einen festgelegten Handlungsstrang gibt es nicht.

Auch lassen sich Schauspieler mit Motion-Capture-Technologie in die Erzählung integrieren. Diese können mit VR-Headset-Anwendern live interagieren und fördern Präsenzgefühl & Involviertheit des Users. Beide Erscheinungsformen sind wichtige Parameter auf dem Weg zu noch mehr Immersion. Aus VR-Storytelling wird bestenfalls VR-Storyliving!

Um die Live-Schauspieler in der VR-Anwendung auftauchen zu lassen, bedarf es für die VR-Produktion dann einer konkreten Spielzeit. Dafür melden sich Interessierte mit ihrem VR-Headset zu einem bestimmten Termin an und schon startet das Live-VR-Theater. Die Motion-Capture-Inszenierung kann vordergründig animiert sein, aber auch als hybride Performance erfolgen und z.B. mit weiteren Bildelementen oder Illustrationen unterlegt werden.

Nautische Live-Erfahrung für Nutzer der VR-App „Farewell Thunderchild“: die Boote dienen als reale Entsprechung für die virtuellen Erlebnisse und intensivieren die VR-Experience. Bildquelle: playthething.co.uk

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